Erfahrungen und Berichte

Internationaler Kongress für Integrative Gestaltpädagogik und heilende Seelsorge

Transformation – Gestaltwandel in Gesellschaft und Kirche

Auswirkungen auf die (Religions-) Pädagogik und Pastoral

3.-5. August 2018 in Celje

Persönliche Eindrücke

Bereichert und beschenkt kehrte ich im vergangenen Sommer von den Tagen in Slowenien zurück. Am Kongress ermöglichte eine Vielfalt von Angeboten stets neues Erleben. Hochkarätige Vorträge von verschiedensten Fachleuten riefen uns Gestaltpädagogik in den verschiedensten Facetten ins Bewusstsein. Von verschiedenen Blickwinkeln aus beleuchtet, erschien uns die GP als Lebenshaltung in Bewegung.
Blitzlichter:
–   Leben im Hier und Jetzt

  • Wahrnehmen und Wertschätzen, ohne zu bewerten
  • Aushalten der Polaritäten im Menschenleben
  • Transzendenz und Immanenz
  • Ambuigitätstoleranz: Verschiedenheit annehmen, so stehenlassen
  • Die Besonderheit der Integrativen GP nach Albert Höfer: Die Ausrichtung auf Lebenssinn, die bibllische Botschaft ins Leben übersetzen, Erfahrung und Spiritualität in Gemeinschaft.

Franz Feiner sprach über «Awareness, Netzwerk Aufmerksamkeit» und stellte als praktisches Beispiel ein Projekt vor, in dem durch achtsame Wahrnehmung in der Umgebung Suizide verhindert werden sollen.

Janez Vodicar betonte in seinem Vortrag unter anderem die Wichtigkeit der Distanzierung in der GP. Distanzierung bedeutet für mich z. B. mich aus einem Problem herauszunehmen, es gewissermassen aus der Vogelperspektive zu betrachten und auf diese Weise zur Lösung zu verhelfen.

Joachim Hawel stellte und die Existenzanalyse nach Victor Frankl und die radikale Lebensphänomenologie von Michel Henry vor.

Erfreulicherweise war Albert kräftemässig in der Lage, am «Kaminfeuergespräch» der Gründungsmitglieder teilzunehmen. Hans Klaushofer, zweites anwesendes Gründungsmitglied, führte dieses Gespräch mit ihm, der grossen Hitze wegen vor einem virtuellen Kamin.

Musikalisch beschwingt gestaltet wurde der Abend von einem weiblichen Vocalensemble mit dem sinnigen Namen «Vivere».

Um eine weitere künstlerische Dimension bereichert wurde der Kongress durch die Ausstellung der eindrücklichen Bilder von Hans Reitbauer. In zutiefst freundschaftlicher Weise würdigte Hans Klaushofer bei der Eröffnung dessen Werk. Individuelles Betrachten, Auswählen eines Lieblingsbildes und Aufnehmen desselben in die «innere Galerie», dies waren die Schritte unserer Begegnung mit dem Werk.

Beim Morgenlob im grossen Kreis mit einfacher Bewegung, beim Psalmensingen, besonders anrührend das Halleluja, angestimmt durch Albert und beim slowenisch/deutschen Sonntagabendgottesdienst mit Predigtworten von Stanko wurde die Erfahrung der grossen Gestaltfamilie besonders intensiv wahrgenommen.

In seinem hoch interessanten Vortrag warf Rainer Bucher einen kritischen Blick auf die Geschichte und den Wandel der Gesellschaft. Er betonte die Unsicherheit des Menschen in der Postmoderne. Im Gegensatz zu Moderne und Vormoderne ist er einem rasanten Wechsel der Lebensumstände ausgesetzt, was bedingt, dass er froh ist, die Gegenwart zu bestehen, da die Zukunft ohnehin ungewiss ist. Standardisierte Erwartungen treffen auf Unerwartetes. Diese Polaritäten gilt es anzunehmen und auszuhalten, z.B. die Sehnsucht nach Heimat und Aufgehoben- Sein und deren Nichterfüllung. Diese so genannte Ambiguitätstoleranz nennt er ungeheuer wichtig.
Im christlichen Glauben mit der Botschaft vom Reich Gottes im Zentrum macht Bucher sogar eine dreifache Polarität aus:
Zeitlich: Jetzt schon und noch nicht
Sozial: Weder individualistisch noch politisch
Eschatologisch: Erlösung in der Spannung zwischen Freiheit und Gnade

Er schliesst seinen Vortrag mit dem lebensfrohen und zugleich tiefgründigen Text von Madeleine Delbrêl: Der Ball des Gehorsams:

Wenn wir wirklich Freude an dir hätten, O, Herr,
könnten wir dem Bedürfnis zu tanzen nicht widerstehen
Um gut tanzen zu können
braucht man nicht zu wissen, wohin der Tanz führt.
Man muss ihm nur folgen,
darauf gestimmt sein, schwerelos sein.
Und vor allem: man darf sich nicht versteifen,
sondern ganz mit dir eins sein – und lebendig pulsierend
einschwingen in den Takt des Orchesters,
den du auf uns überträgst.

Wir haben so oft die Musik deines Geistes vergessen,
wir vergessen, dass es monoton und langweilig
nur für grämliche Seelen zugeht,
die als Mauerblümchen sitzen am Rand
des fröhlichen Balls deiner Liebe.

Lehre uns, jeden Tag die Umstände unseres
Menschseins anzuziehen wie ein Ballkleid.
Gib, dass wir unser Dasein leben
nicht wie ein Schachspiel, bei dem alles berechnet ist,
nicht wie einen Lehrsatz, bei dem wir uns den Kopf zerbrechen,
sondern wie ein Fest ohne Ende,
bei dem man dir immer wieder begegnet,
wie einen Ball, wie einen Tanz,
in den Armen deiner Gnade,
zu der Musik allumfassender Liebe.

Persönliche, zum Teil tiefe Erfahrungen wurden auch möglich durch die professionell gestalteten Workshops.

Das Abendessen an diesem Tag war als «Clown Dinner» gestaltet. Während die Küche uns in jeder Hinsicht verwöhnte, trat Ludger Hoffkamp als Clown auf und erntete unbändige Lacher. Auf höchst originelle Weise gelang es ihm, Sätze aus den hochstehenden Vorträgen, sozusagen deren Quintessenz, humoristisch zu verfremden und in seine clownesken Darbietungen einzubauen.

Zwei junge Männer, «Musikalischer Orgasmus», nennt sich ihre Band, spielten zum Tanz auf, zu dem sich ein grosser Teil der Anwesenden, häufig frei tanzend, bewegen liessen.

Ein interessanter Beitrag war das Vorstellen einiger Masterarbeiten aus Oesterreich und Dissertationen an der Universität Ljublijana. Dass die Gestaltpädagogik wissenschaftlich untersucht wird, gibt Grund zur Hoffnung, dass die GP auch auf universitärer Ebene eine Zukunft hat und zu grösserer Bekanntheit gelangen kann.

Im Schlussreferat beleuchtete Hans Neuhold die Zukunftsfähigkeit der GP durch ihre spezifische Art des Umgangs und der Glaubenskommunikation.

An den Schluss seines Referats stellte er die vertrauensvolle Aussage von Simone Weil:

Warum sollte ich mir Sorgen machen?
Es ist nicht meine Angelegenheit, an mich zu denken.
Es ist Gottes Sache, an mich zu denken.

4.12.2018 R.B.


 

„Mach’s wie Gott, werde Mensch“

Unter diesem Titel durften 12 Teilnehmende vom 25./26. August mit Edith Koch und Helmut Laukötter ein reichhaltiges, von tiefen Erfahrungen geprägtes Gestaltwochenende erleben. Mit einer bunten Vielfalt von Arbeitsschritten führten die beiden im Wechsel durch die beiden Tage. Tanz und Bewegung, Körpererfahrung, Vertiefung in die eigene Lebensgeschichte anhand einer mitgebrachten Fotografie, ein theoretischer Imput zum Thema Spiritualität, eine Meditation im Liegen, welche ins Malen des persönlichen Glaubenshauses mündete. Das Malen war der letzte von mehreren Schritten bei der Gestaltung des persönlichen Erinnerungsbildes. Dieses wurde in der Gruppe besprochen. Die Präsentation der Werke war ein Auftritt mit der persönlich formulierten Botschaft als Glaubenshaus. Es war eine Vielzahl von gut aufeinander abgestimmten Elementen, die uns das Wochenende als in sich stimmig erfahren liessen.
Gestaltpädagogik pur, so lautete die einhellige Meinung der Teilnehmenden. Der Wunsch nach weiteren Veranstaltungen in dieser Art wurde geäussert.
Herzlichen Dank an euch beide, Edith und Helmut!

Rosemarie